DIE FRAUENFRAGE – von R.Steiner 1906

25. September 2012
By devahmarie
DIE FRAUENFRAGE Hamburg, 17. November 1906

Öffentliche Vorträge – GA 54 Die Welträtsel und die Anthroposophie

[…] die Mystiker [haben], wenn sie aus dem Tiefsten ihrer Seele Sprachen, diese Seele als etwas Weibliches bezeichnet. Daher finden Sie überall den Vergleich der für die Welt empfänglichen Seele mit dem Weibe, und darauf beruht der Ausspruch Goethes im Chorus mysticus:

 

[…] Derjenige, der etwas gewußt hat von edler Geisteskultur, hat auch auf den weiblichen Charakter der Seele hingewiesen, und gerade aus dieser Männerkultur rang sich der Spruch «Das ewig Weibliche zieht uns hinan».

So wurde die große Welt, der Kosmos, vorgestellt als Mann, und die Seele, die sich befruchten läßt von der Weisheit des Kosmos, als das Weibliche.

Und was ist sie denn, jene eigentümliche Geistesart, die sich im Manne herangebildet hat seit Jahrtausenden, die Logik?
Wollen wir in die Tiefe ihres Wesens sehen, so müssen wir etwas Weibliches sehen, die Phantasie, das befruchtet werden muß vom Männlichen.
So sehen wir die höhere Natur des Menschen, das, was das Ich aus den niederen Leibern macht, wenn wir das betrachten, was über die Geschlechtsdifferenz hinauswächst. […] Je mehr die Menschen das Geistige in sich fühlen, desto mehr wird der Körper zum Instrumente, desto mehr lernen sie aber auch den Menschen verstehen, wenn sie in die Tiefe der Seele sehen.

Das wird Ihnen zwar nicht eine Lösung der Frauenfrage geben, aber eine Perspektive.
Nicht mit Tendenzen und Idealen können Sie die Frauenfrage lösen! Im Realen müssen Sie sie lösen, indem Sie jene Seelenvorstellung, jene Seelenverfassung erschaffen, welche es möglich macht, daß Mann und Frau von der Totalität der Menschennatur aus sich verstehen. Solange der Mensch im Materiellen befangen ist, so lange wird eine wirklich fruchtbare Erörterung der Frauenfrage nicht möglich sein.

[…] So wird im Weibe allmählich ein ähnliches Bewußtsein erwachen, wie während der Männerkultur im Mann erwacht ist. […] [Sie werden]  vom ewig Männlichen in der weiblichen Natur sprechen, und dann wird wahres Verständnis und wahre seelische Lösung der Frauenfrage möglich sein. Denn die äußere Natur ist eine Physiognomie des Seelenlebens.
Wir haben nichts anderes in unserer, in der äußeren Kultur als das, was die Menschen geschaffen haben, was die Menschen aus Impulsen umgesetzt haben in Maschinen, in industrielle Dinge, in Rechtswesen. Wie die Seele sich entwickelt, so entwickeln sich die äußeren Institutionen.
Ein Zeitalter, das aber an der äußeren Physiognomie hing, mochte Schranken aufrichten zwischen Mann und Frau. Ein Zeitalter, das nicht mehr am Äußeren, am Materiellen haften wird, sondern dem die Erkenntnis des übergeschlechtlichen Inneren gegeben sein wird, wird das Geschlechtliche, ohne daß es sich in das Öde, Asketische verkriechen will oder etwa das Geschlechtliche verleugnen will, veredeln und verschönern und im Übergeschlechtlichen leben. Und dann wird man Verständnis haben für das, was die wahre Lösung in der Frauenfrage bringen wird, weil es zugleich die wahre Lösung zur ewigen Menschheitsfrage bieten wird. Man wird dann nicht mehr sagen, wenn man von Dingen des täglichen Lebens spricht: Das ewig Weibliche zieht uns hinan -, man wird auch nicht mehr sagen: Das ewig Männliche zieht uns hinan -, man wird mit Verständnis, mit tiefem Geistesverständnis sagen: Das ewig Menschliche zieht uns hinan.

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