Die Frau im Lichte der Goetheschen Weltanschauung von R.Steiner

8. September 2011
By devahmarie

Aus: Rudolf Steiner Die Frau im Lichte der Goetheschen Weltanschauung – Ein Beitrag zur Frauenfrage
Stenographische Notizbucheintragung zu einem Vortrag vom 29. Dezember 1889 in Hermannstadt, Siebenbürgen

Da haben Sie die Notwendigkeit der Liebe aus der Natur des Menschen abgeleitet. Schaffen wir die Liebe ab, und wir haben das göttliche Selbst aus der Welt geschafft, oder weil wir das nicht können, wir haben uns vom Göttlichen abgewandt. Diesen Abfall aber vollziehen wir, wenn wir die Frau dem eigentlichen Wesen des Weibes entfremden, wenn wir sie ihrer Bestimmung entziehen, die Vermittlerin des Göttlichen, der unmittelbar naiv wirkenden Natur zu sein.
Es ist kein Zufall, daß die Emanzipationsbestrebungen in jenen Ländern Europas zuerst auftauchen, in denen die Liebe im edlen Sinne, wie sie bei den Germanen aufgefaßt wird, nie Wurzel geschlagen hat. Wo die Frau weiß, daß sie zu dem Ganzen der Menschheitsentwickelung ihr[en] Teil so beizutragen hat, wie es der weiblichen Natur und nicht wie es der männlichen entspricht, und wo sie weiß, daß sie in diesem ihrem Wirken von der männlichen Welt anerkannt und verehrt wird, da strebt sie über das, was ihr im Weltenplan zugeteilt ist, nicht hinaus. Eine höhere Anschauung ist es, die in der Harmonie verschiedener Wirkenskräfte ihr Genügen sucht, und eine niedrige, die alles gleichmachen möchte.
Es ist vorzugsweise die ideale Seite der Kultur, deren Träger und Fortpflanzer die Frau ist.

Was können die Gründe sein, welche die Frau herausdrängen sollen aus ihrer gegenwärtigen Stellung, aus den Schranken, die ihr die Geschichte gezogen hat?
1) Der Drang, in der geistigen Bildung, in der Einsicht nicht hinter dem Manne zurückzustehen.
2) Der Drang, nicht dem Manne zu verdanken, was ihr die reale Lebensgrund- lage abgibt.

Wenn ich bedenke, daß so oft sinnige, phantasievolle Mütter es waren, die an der Wiege bedeutender Männer gestanden waren, wenn ich die alte Frau Rat selbst ansehe, Goethes Mutter, die durch ihre Märchenerzählungen den poetischen Sinn des jungen Wolfgang zuerst angeregt hat, so will mir scheinen, als wenn sich das unschwer aus jener Vorstellung über die Frauennatur, die ich soeben ent- wickelt habe, erklären ließe. Wenn sich in der Frauennatur die göttliche Urkraft der Natur reiner und ungetrübter ausprägt als in der des Mannes, dann ist es wohl einleuchtend, daß der lebendige Kultus der Mutter in jenem Alter auf den Menschen am meisten befruchtend wirken muß, wo alles noch Natur, alles Naivi- tät ist, wo der Mensch noch ganz Herz und noch gar nicht Kopf ist, wo der Geist sich noch nicht losgerissen hat von seiner Quelle, von der Natur, wo die Ent- zweiung von Idee und Wirklichkeit noch nicht vollzogen ist, mit einem Worte: im Kindesalter. Hier liegt ein großartiger kultureller Einfluß, den die Frau auf den Entwickelungsgang der Menschheit nimmt, ein Einfluß, der mehr wert ist als jener, den sie als Arzt, als Beamter, als Schriftsteller je ausüben kann.

 

Tags: , , ,

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*